Die Seemannsmission Hamburg-Altona ist ein gemeinnütziger Verein, mit der Aufgabe, Seeleuten eine würdevolle Unterkunft zu bieten.

Geleitet wird die Seemannsmission unter anderem vom evangelischen Seemannsdiakon Fiete Sturm, der ursprünglich gelernte Erzieher hat im Rahmen seiner Diakons Ausbildung noch systemische Familientherapie draufgesattelt. Zu seinen Leitungsaufgaben gehören Netzwerk-, Öffentlichkeitsarbeit und Seelsorge für Seeleute. Das Seemannsmission hat einen Assoziierungsvertrag mit der evangelischen Kirche, agiert dennoch unabhängig und bietet mit Hotel, Club und der im Gebäude befindlichen Kirche St- Clemens auch Touristen eine Unterkunft. Der Begriff Mission ist hier wörtlich zunehmen, sodass es nicht darum geht, Seeleute zu Missionieren, sondern um die wörtliche Übersetzung des lateinischen Begriffes „missio“ Auftrag in dem Sinn, dass die Seemannsmission zum Wohle von Seeleuten handelt.

Historie

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Seemannsmissionen in London. Da die meisten Seeleute zu dieser Zeit Analphabeten waren, wurden sie bei Vertragsabschlüssen häufig übers Ohr gehauen, sodass sie ausgebeutet wurden und die Heuer (Lohn) oft schlecht war. Hinzukam, dass die Matrosen ihre Heuer auf Landgang oft für Alkohol und Prostituierte verprassten, sodass bei ihren Familien nichts ankam und diese oft in großer Armut leben mussten. In Deutschland entstanden die Seemannsmissionen als Schiffer- und Fischermissionen, um Seemänner bei Verträgen und dem Umgang mit der Heuer zu unterstützen. Dies bedeutetet aber auch, dass die Diakone die Heuer zum Teil einbehielten, um sie in die Heimat zu schicken und die Matrosen auf dem Kiez einsammelten, die Fürsorge war im heutigen Sinn übergriffig. Die Seemannsmission in Hamburg wurde 1898 gegründet.

Zum aktuellen Zeitpunkt stellen Philippinos 80% aller Seeleute weltweit und es ist einfacher, den Lohn den eigenen Familien zukommen zulassen. Lebten früher Matrosen zum Teil wochenlang in dem Seemannsheimen, wenn ihre Verträge ausgelaufen waren, sind es heute meistens mehrere Tage zum Besatzungswechsel, den Reedereien heutzutage organisieren, sodass Seemänner mit dem Flugzeug in Hamburg eintreffen. In Krankheitsfällen und Ausnahmesituationen können Seeleute auch länger in der Seemannsmission bleiben, so zuletzt geschehen während der COVID-Pandemie, als Seemänner aus Kiribati zum Teil zwei Jahre in Hamburg waren, da der Inselstaat seine Grenzen auch für die eigene Bevölkerung geschlossen hatte.

Die Deutsche Seemannsmission ist Mitglied der ICMA (International Christian Maritime Association), während die Verträge von Seeleuten heutzutage der zum Großteil international anerkannten Maritime Labour Convention (MLC) unterliegen. Die MLC ermöglicht Seemannsdiakonen weltweit den Zugang zu Schiffen, bei Weigerung hat die BG Verkehr als staatliches Unternehmen das Recht an Bord zu gehen, da die Strafen ein empfindliches Ausmaß haben.

Alltag von Seeleuten

Seemänner haben normalerweise eine 70 Stunden Woche und sind laut gängigen Verträgen neun Monate an Bord eines Schiffes und haben dann drei Monate Urlaub, allerdings haben sie an Bord keinen freien Tag. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall beträgt 12 Wochen. Während der Zeit an Bord haben sie kaum Kontakt zu ihren Familien, da es auf See keine Internetverbindung gibt und sie in Küstennähe keine Sim-Karte zur Nutzung der jeweiligen Mobilfunknetze haben. Das Einstiegsgehalt liegt bei ca. 800$ im Monat und die wenigsten Mannschaftsmitglieder verdienen mehr als 1.200$. Während Philippinos zum Großteil die Mannschaften stellen, sind Offiziere und Unteroffiziere häufig osteuropäischer Nationalität. Gerade auf den Philippinen sind Seeleute, die sich für Arbeitsrecht einsetzen Repressalien ausgesetzt, was nichts anderes bedeutet, als das Menschen verschwinden, was der restriktiven Politik geschuldet ist. Betrachtet man das Gehalt und bedenkt, dass eine philippinische Familie zwischen 800 und 1.000$ im Monat zum Lebensunterhalt braucht und die Seemänner meistens Alleinverdiener sind, bedeutet dies eine gewisse emotionale Belastung.

Das Leben an Bord ist auch heute von schwerer Arbeit geprägt. Seeleute müssen auch bei Stürmen an Deck die Ladungssicherung kontrollieren, wodurch es bei gerissenen Leinen zu Amputationen oder Todesfällen kommen kann. Auch sonst ist das Leben von Wartungsarbeiten wie Rostklopfen oder dem Entfernen von giftigem Ölschlick aus den großen Schiffsmotoren geprägt. Hinzukommen Übungen für Notfälle wie Brandschutz-, Erste-Hilfe- und Evakuierungsübungen.

Auf der Brücke ist die Arbeit zwar körperlich leichter, da die dortige Besatzung aber oft im Schema 6on/6off arbeitet, also sechs Stunden Dienst und dann sechs Stunden zur freien Verfügung hat, was nicht unbedingt sechs Stunden Schlaf bedeutet, aber auch psychisch belastend. Jedes Besatzungsmitglied hat seine eigene Kabine und ihnen werden Kost, Logie und Material zum Leben an Bord gestellt. Obwohl auf den meisten Schiffen Alkohol- und Rauchverbot herrscht, finden Alkohol und Zigaretten immer wieder einen Weg an Bord und in seltenen Fällen wird an Bord auch schwarz gebrannt. Je nach Größe des Schiffes besteht die Besatzung aus 25 Mann, während der zweite Offizier für die medizinische Versorgung an Bord zuständig ist. Je nach Herkunftsland der Reederei ist die Bordapotheke besser ausgestattet, so bei deutschen Reedereien, wobei es typischerweise eine Anleitung für fast alle medizinische notwendige Maßnahmen gibt. Sollte es an Bord zu Todesfällen kommen, wird der Leichnam in der Kühlung der Küche gelagert und im nächsten Hafen von Bord gebracht und in die Heimat überführt.

Das Leben an Bord eines Schiffes zählt nicht zu den gesündesten. Neben der schweren Arbeit kommt die ständige Vibration an Bord hinzu, die von den riesigen Schiffsmotoren ausgeht. Diese mit Schweröl gefeuerten Hauptmaschinen laufen 24h/Tag und selbst im Hafen müssen die dieselbetriebenen Hilfsaggregate für Storm und Antrieb sorgen. Der spärliche Kontakt nach Hause sorgt oft für psychische Problemen, Depressionen, Burnout und auch Suizid kommt vor. Einer Anekdote nach unterscheidet man zwischen versehentlichem Überbord-gehen und Suizid darin, ob die Schuhe am Rand des Decks stehen.

Hauptsächlich sind es aber kulturelle Konflikte, welche die größte Rolle an Bord spielen. Dies kann an der unterschiedlichen Herkunft der Besatzungsmitglieder liegen (Russen/Ukrainer) oder aber an den Mahlzeiten liegen. Für Landeier unverständlich, kann italienische Küche bei philippinischen Besatzungsmitgliedern für Unmut sorgen. Trotz allem sind Kapitalverbrechen die Ausnahme an Bord und je homogener die Besatzung ist und le länger sie zusammen sind, um so besser für das Stimmungsklima.

Hinzu kommt allerdings immer noch die Gefahr durch Piraterie auf gewissen Schifffahrtsrouten wie vor Somalia, Indonesien und der Straße von Malakka. Da sich moderne Piraten häufig bei Nacht und mit Schnellbooten nähern, ist die psychische Belastung für die Besatzung hoch. Wenn ein Angriff früh genug erkannt wird, können sich Schiffe diesem durch die Flucht auf hohe See entziehen oder aber die Besatzung in einen gepanzerten Zitadelle im schiffsinneren Zuflucht suchen. Wichtig ist aber dennoch das Absetzen eines Notrufes, dem weltweit alle Schiffe Folge leisten müssen, sofern sie sich nicht selbst in Gefahr bringen. Auch eilen in der Region befindliche Kriegsschiffe zur Hilfe. Hierbei sticht Großbritannien heraus, dass als historische Seemacht Zivilschiffe in gefährdeten Regionen von Kriegsschiffen der Royal Navy eskortieren lässt. Ziel der Piraten ist Lösegeld für Schiff oder Besatzung, aber auch Bargeld an Bord oder kleinere, aber wertvolle Fracht.

Während es im Mittelmeer kaum zu Zwischenfällen durch Piraterie kommt, spielt hier die Flüchtlingsbewegung über das Mittelmehr eine große Rolle. Wie bei Überfällen sind auch in Notsituationen von Flüchtlingsbooten Schiffe dazu verpflichtet, in seenot-befindliche Menschen an Bord zu nehmen. Tatsächlich ist dies schwieriger als gedacht, da ein modernes Frachtschiff bis zu fünf Kilometer „Bremsweg“ hat und die Bordwände so hoch sind, dass eine Rettung kompliziert ist. An Bord gibt es dann oft keine Unterbringung für Flüchtlinge und diese müssen an Deck leben und die Versorgung gestaltet sich als schwierig. Ebenso kann ein Schiff in der aktuellen politischen Lage die Flüchtlinge auch nicht in irgendeinem Hafen absetzen, da die lokalen Behörden oft sehr streng sind.

Was heutzutage oft unbewusst ist oder bewusst verdrängt wird, ist das der Großteil der weltweit zu transportierenden Güter mit dem Schiff kommt, die harte Arbeit der Seeleute ermöglicht uns also unser bequemes Onlineshopping.

Arbeit der Seemannsmission

Aufgabe der Seemannsmission ist die ganzheitliche Seelsorge für Seeleute. In der Realität bedeutet dies Smalltalk bei der Ankunft, da Seeleuten das WLAN erstmal wichtiger ist, um mit der Familie zu sprechen. Die Seemannsmission verfügt über eine offene Kirche namens St. Clemens am Hafen (Schutzheiliger der Seefahrt), die Raum für Ruhe und Besinnlichkeit als Kontrast zum Schiffsalltag bietet. Die Kirche steht allen Seeleuten unabhängig ihrer Religion offen und bietet auch einen Ort der Erinnerung für auf See gebliebene Kameraden.

Wird man an Bord mit seiner Funktion angesprochen, so steht in der Mission der Mensch als solches wieder im Vordergrund. Da man englisch spricht, ist das Duzen kein Problem. Im Club der Seemannsmission gibt es keinen hochprozentigen Alkohol, es werden aber auch waren für den Schiffsalltag verkauft (Lebensmittel und Hygieneprodukte). Zur Freizeitgestaltung gibt es Billiard, Kicker, einen Dartautomat, Karaoke und Spielekonsolen. Auf der Rückseite der Seemannsmission gibt es einen kleinen Garten, aus dem sich Seeleute auch hin und wieder Blumen mitnehmen.

Die Seemannsmission bietet also sowohl einen Rückzugsort für Körper und Geist vom Schiffsalltag, ist aber mit dem Club sozialer Dreh- und Angelpunkt für Seeleute.

Der Seemannsdiakon hat freien Zugang zu jedem zivilen Schiff im Hafen, kann auf Anfrage an Bord kommen, um sich ein Bild von Konflikten zu machen und beratend eingreifen. Bordbesuche haben hierbei keinen Kontrollcharakter, sondern sind relativ ungezwungen und werden regelmäßig durchgeführt.
Die Seemannsmission finanziert sich zu 60% durch Einnahmen aus dem Hotelbetrieb, während der Rest durch Spenden, Fördergelder und Abgaben der Reedereien zusammensetzt.

Die Hotelzimmer stehen auch nicht-Seeleuten zur Verfügung, während die Kirche auch von anderen Kirchengemeinden genutzt werden kann und dort auch Hochzeiten und Taufen möglich sind.

Christopher, Johanna und Sarah